Königin Elisabeth I. Die Pionierin der WC-Geschichte

23. März 2020 | Bad

Kleopatra, Jeanne D' Arc, Elisabeth I., Marie Curie – Anne Volta, eine Drehbuchautorin aus Köln, ist fasziniert von den großen Frauen der Weltgeschichte. Ihr Traum: Eine Dokumentation auf den Spuren dieser Grand Dames. Als sie zum England des 16. Jahrhunderts recherchiert, entdeckt sie ein nebensächliches Detail – Queen Elisabeth I. besaß eine der ersten wassergespülten Toiletten. Konnte das stimmen? Volta forscht weiter zur überraschend spannenden Geschichte des WC. Hier erzählt sie davon. „ Ein egozentrisches und vielschichtes Original.“ 

Die starke, jungfräuliche Queen von England Königin Elisabeth I. zieht mich besonders in Bann, ein egozentrisches und vielschichtiges Original aus der Tudor-Familie, die über 100 Jahre lang die britische Insel beherrschte. Ihre Kindheit und Jugend war alles andere als entspannt. Mutter und Vater starben früh, mit Anfang 20 geriet Elisabeth in einen Glaubensstreit mit ihrer Halbschwester Maria Stuart und landete im Kerker des Tower of London. Dort traf sie auf Robert Dudley, einen englischen Edelmann, der die junge Prinzessin umgarnte. Daraus entstand eine jahrelange Liaison, die auch anhielt, als Elisabeth mit 25 Jahren den Thron Englands bestieg. Dudley wurde zwar Oberstallmeister und Lover, heiraten wollte Elisabeth ihn aber nicht. Auch nicht all die anderen, teils hochadeligen Bewerber, die im Laufe ihrer 45-jährigen Amtszeit förmlich Schlange standen. „Ich wäre lieber eine Bettlerin und allein, als verheiratet. Der Ehering wäre für mich ein Joch“, soll sie gesagt haben. Dieser selbstbewusste Charakter fasziniert mich – und ich will erfahren, wo die „jungfräuliche Königin“ noch ihrer Zeit voraus war. Auf meiner Recherchetour entdecke ich kuriose Dinge: Etwa, dass Elisabeth I. die erste Armbanduhr der Welt trug. Und eine Steuer für jeden Mann verhängt hat, der einen mehr als 20 Zentimeter langen Bart trug. Sie selbst legte höchsten Wert auf ihr Äußeres. Bis zu vier Stunden brauchten ihre Hofdamen zum täglichen An- und Auskleiden ihrer aufwendig geschneiderten und farbenfrohen Gewänder. Auch die körperliche Hygiene war ihr wichtiger als vielen Zeitgenossen ihrer Zeit. So nahm sie angeblich alle drei Monate ein Bad – unvorstellbar oft im 16. Jahrhundert. Und dann staune ich wirklich: Elisabeth I. lässt sich in ihr Schloss Richmond eine der ersten wassergespülten Toiletten einbauen.

Die Erfindung des Water Closet

Ihr Patensohn John Harington hatte es um 1596 erfunden und in seinem Haus in Kent aufgestellt. Trotz einer detaillierten Bauanleitung wurde seine Idee des „Water Closet“aber nicht angenommen. Selbst in adeligen Kreisen blieb man konservativ, wenn auch mit deutlich mehr Stil. Neben kunstvoll geformten Nachttöpfen ließen sich die Reichen prunkvolle Leibstühle aus hochwertigem Holz und Stoffbezug fertigen. So saßen sie auch bei ihrer Notdurft auf einem Thron. Nur Haringtons berühmte Tante war angetan. Klar, Elisabeth I., brachte England wieder auf Weltmachtkurs, besiegte die damals übermächtige spanische Armada, entschärfte den Glaubenswettstreit zwischen Katholiken und Protestanten und schaffte den Nährboden für eine kulturelle Blüte Englands – das ist alles bekannt. Aber das sie auch zu den Early Adoptern des modernen WCs gehört, hat mich dann doch überrascht.

Laute Örtchen in Rom

Wenn es Ende des 16. Jahrhunderts schon eine Wassertoilette gab, warum gingen dann selbst meine Großeltern noch zum Plumpsklo auf halbe Treppe? Zeit für einen kleinen Exkurs. Ich finde heraus, dass die Idee mit der Wasserspülung schon die alten Römer hatten – vor 2.500 Jahren. Sie bauten große öffentliche Latrinen, in denen mehrere Steinbankreihen mit Löchern integriert waren. Was bei den Römern hinten rauskam, fiel in einem wassergefluteten Graben, der wiederum in die Cloaca Maxima mündete, einen gewaltigen Abwasserkanal. Damals war die Toilette alles andere als ein „stilles Örtchen“. Bis zu 60 Personen saßen nebeneinander, entleerten sich und sprachen mit ihren Nachbarn über alles Mögliche – oder machten „gemeinsame Geschäfte“

Zugige Erker-Klos im Mittelalter

Im Mittelalter kam der Klo-Fortschritt ins Stocken. Auf dem Land gingen die Menschen aufs Feld oder hockten sich über kleine Gruben; in den Städten hatten Nachttöpfe Hochkonjunktur. Waren die voll, flog der Inhalt meist auf Straßen, in Rinnen oder Brunnen. Kein Wunder, dass sich Pest und Cholera in dieser Umgebung flächendeckend ausbreiteten. In den Burgen entstanden sogenannte Abort-Erker in luftiger Höhe, kleine Räume mit einer Sitzbank und einem Loch in der Mitte. Wenn im Winter der eisige Wind unten durchblies, konnte es im wörtlichen Sinne „arschkalt“ werden, denke ich. Die Ausscheidungen fielen schließlich in den Burggraben, dem man besonders im Sommer besser nicht zu nahe kam.

England als WC-Vorreiter

Erst rund 200 Jahre nach der Pionierin Elisabeth I. gab es neuen Schub in der WC-Geschichte. Der Brite Alexander Cummings ließ seine Version des Wasserklosetts patentieren. Es verfügte nicht nur über eine Spülung, sondern auch über ein doppelt gebogenes Abflussrohr, das Siphon, wie wir es bis heute kennen. Dadurch stieg auch der unangenehme Geruch nicht mehr aus den Sickergruben und Abflussrohren hoch. Fortan galt die britische Insel als der WC-Hotspot. Es dauerte aber noch einmal fast 100 Jahre, bis Cummings‘ Idee massenhaft in die britischen Häuser kam. Es mussten ja erst noch unterirdische Abwasserkanäle gebuddelt werden. Ende des 19. Jahrhunderts verbreitete sich das Wasserkloset nach und nach in anderen europäischen Großstädten und verbesserte deutlich die hygienischen Verhältnisse. Das erste WC Deutschlands entstand übrigens 1860 auf Schloss Ehrenburg bei Coburg. Als die spätere britische Königin Victoria deutschen Boden besuchte, wollte sie nicht auf den Komfort einer wassergespülten Toilette verzichten.

Willkommen in der Toilettenzukunft

Hätte Elisabeth I. 300 Jahre später gelebt, wäre sie bestimmt die Erste gewesen, die sich ein Dusch-WC ins Schloss holt. Ich bin mir sicher. Die Haringtons der 1980er waren die Entwickler des japanischen Badausstatters TOTO. Sie legten mit der Washlet G-Serie den Grundstein für eine neue WC-Generation. Die Washlets – auch Dusch-WCs genannt – sind mit einer Vielzahl an Funktionen ausgestattet. Neben dem klassischen Wasserstrahler bieten viele Modelle auch Sitzheizungen, Massageund Reinigungsprogramme sowie Trockner und Geruchfilter. In Japan haben sich diese High-Tech-Toiletten längst zum Standard zu Hause und in öffentlichen Einrichtungen durchgesetzt.Heute hängt das britische Empire also hinterher – eben weil eine visionäre, starke Frau wie Elisabeth I. fehlt.